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Stressmanagement – unnötiger Psychokram oder entscheidender Karrierefaktor?

Ein Beitrag von Dipl.-Psychologin Diane Manz

Stressmanagement genießt noch immer keinen besonders guten Ruf. Gerade in leistungsorientierten Ausbildungen und Berufen wird es schnell als Thema für diejenigen eingeordnet, die angeblich nicht belastbar genug sind. Erfolgreich ist, so die verbreitete Vorstellung, wer funktioniert, durchhält und persönliche Befindlichkeiten hintenanstellt. Gleichzeitig zeichnen aktuelle Erhebungen der Krankenkassen ein anderes Bild: Die große Mehrheit der Erwerbstätigen fühlt sich durch ihre Arbeit gestresst, viele erleben dadurch Einschränkungen ihrer Leistungsfähigkeit. Schlafprobleme, Erschöpfung, innere Anspannung oder Konzentrationsschwierigkeiten sind längst kein Ausnahmezustand mehr.

Stressbedingte psychische und körperliche Beschwerden betreffen inzwischen nahezu alle Berufsgruppen. Was früher als Spezialproblem einzelner Tätigkeiten galt, zeigt sich heute als gesamtgesellschaftliches Phänomen. Dennoch wird Stress häufig individualisiert: Wer nicht mehr kann, zweifelt an sich selbst – oder wird von außen als nicht ausreichend belastbar wahrgenommen. Dabei greift diese Sichtweise zu kurz.

„Wer nicht mehr kann, zweifelt an sich selbst – oder wird von außen als nicht ausreichend belastbar wahrgenommen. Dabei greift diese Sichtweise zu kurz“

Worum es bei Stressmanagement ­wirklich geht
Stressmanagement bedeutet nicht, Anforderungen zu vermeiden, Ambitionen aufzugeben oder den Alltag mit Entspannungsritualen zu füllen. Es geht auch nicht darum, weniger zu leisten oder Herausforderungen aus dem Weg zu gehen. Im Kern geht es um den Aufbau von Fähigkeiten, die es ermöglichen, mit Belastungen so umzugehen, dass sie nicht dauerhaft die eigene Gesundheit und Lebensqualität beeinträchtigen.

Stress entsteht nicht allein durch äußere Anforderungen, sondern vor allem dort, wo diese auf fehlende Bewältigungsmöglichkeiten treffen. Die gleiche Situation kann für verschiedene Menschen sehr unterschiedlich belastend sein. Wer früh lernt, eigene Reaktionsmuster zu verstehen und passende Strategien zu entwickeln, kann auch in anspruchsvollen Phasen handlungsfähig bleiben. Stressmanagement ist damit weniger ein Reparaturinstrument als vielmehr ein präventiver Ansatz.

Ausbildung und Berufseinstieg unter Daueranspannung
Besonders Ausbildung und Berufseinstieg gelten als stressintensive Lebensphasen. Hohe Erwartungen, Konkurrenzdruck und die Angst, sich durch Fehler dauerhaft Möglichkeiten zu verbauen, prägen diese Zeit. Häufig werden erste Warnsignale ignoriert – aus Sorge, Schwäche zu zeigen oder den eigenen Ansprüchen nicht zu genügen. Steigt der Druck, sinken jedoch oft Konzentration und Lernfähigkeit. Ein Kreislauf entsteht, der die Belastung weiter verstärkt.

Hinzu kommt, dass nicht alle Menschen diese Phasen unter denselben Bedingungen erleben. Wer sich im Ausbildungs- oder Arbeitsumfeld nicht selbstverständlich zugehörig fühlt oder dauerhaft Energie in Anpassung, Selbstkontrolle oder Erklärungen investieren muss, trägt oft eine zusätzliche Belastung. Das Gefühl, nicht ganz dazuzugehören oder sich vorsichtiger bewegen zu müssen, wirkt als stiller Stressfaktor – auch dann, wenn er kaum offen thematisiert wird.

„Das Gefühl, nicht ganz dazuzugehören oder sich vorsichtiger bewegen zu müssen, wirkt als stiller Stressfaktor“

Drei zentrale Ansatzpunkte im Umgang mit Stress
Ein gesunder Umgang mit Stress lässt sich auf mehreren Ebenen ansetzen, die sich gegenseitig ergänzen:

1. Orientierung durch eigene Ziele
Klare Ziele - beruflich und privat - geben Halt, insbesondere in belastenden Phasen. Wer ein Ziel hat, kann besser durchhalten, findet eher Unterstützung und kann Prioritäten und Anstrengung klarer justieren. Je klarer das von Anfang an reflektiert wird, umso sicherer kann man den eigenen Weg mit Zuversicht gehen.

2. Arbeit an Selbstwert und innerer Haltung
Wer den eigenen Wert stark an Leistung oder Bewertung knüpft, lebt dauerhaft unter Spannung. Die bewusste Trennung von Selbstwert und Ergebnis reduziert Versagensängste und schafft innere Beweglichkeit. Hinderliche Überzeugungen wie „Ich darf mir keine Schwäche erlauben“ oder „Ich muss alles perfekt machen“ lassen sich hinterfragen und schrittweise verändern. Das erfordert Zeit, wirkt aber nachhaltig entlastend.

3. Akzeptanz der gegebenen Rahmenbedingungen
Nicht alle äußeren Bedingungen lassen sich kurzfristig verändern. Ausbildungssysteme sind nicht immer transparent, Leistungsbewertungen nicht immer fair, Arbeitsumfelder nicht immer inklusiv. Diese Realität anzuerkennen bedeutet nicht, sie gutzuheißen, sondern die eigenen Kräfte gezielter einzusetzen. Wer aufhört, gegen Unabänderliches zu kämpfen, gewinnt Energie und Handlungsspielraum dort, wo Einfluss möglich ist. Dies kann dann durchaus auch langfristig zu Veränderungen führen. Oder schneller zu dem Entschluss, das ‚ungesunde‘ Umfeld zu wechseln.

Selbstfürsorge als notwendige ­Grundlage
Ein wesentlicher Bestandteil von Stresskompetenz ist Selbstfürsorge. Sie bedeutet, Verantwortung für das eigene körperliche und psychische Wohlbefinden zu übernehmen. Das bedeutet einerseits Warnzeichen wie Schlafstörungen, Reizbarkeit, Antriebslosigkeit oder innere Unruhe ernst zu nehmen, um früh genug gegenarbeiten zu können. Andererseits – im Sinne von Prävention – gilt es hier auch ganz aktiv, das Energielevel im grünen Bereich zu halten. Ausreichender Schlaf, Bewegung, ausgewogene Ernährung und bewusste Pausen sind die Basis – soziale Kontakte, Freude und Genuss dürfen auch nicht fehlen.

Wer dauerhaft seine eigenen Grenzen überschreitet ohne zu regenerieren riskiert ernstzunehmende Erschöpfung und Leistungsminderung.

Fazit
Stress wird auch künftig Teil anspruchsvoller Ausbildungen und beruflicher Wege sein. Entscheidend ist nicht, ob Stress entsteht, sondern wie mit ihm umgegangen wird. Stressmanagement ist kein Werkzeug für Schwächlinge, sondern eine grundlegende Kompetenz für ein gesundes und erfülltes Berufs- und Privatleben. Wer früh lernt, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen und ein dazu passendes Portfolio an Kompetenzen aufzubauen, schafft die Grundlage für langfristige Zufriedenheit, Stabilität und Leistungsfähigkeit.

„Wer früh lernt, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen und ein dazu passendes Portfolio an Kompetenzen aufzubauen, schafft die Grundlage für langfristige Zufriedenheit, Stabilität und Leistungsfähigkeit“

Diane Manz
ist Dipl.-Psychologin und systemischer Business Coach.

Als Inhaberin von brandung | coaching & consulting liegt ihr Fokus der Beratung auf den Bereichen Kommunikation, Karriereentwicklung, Führung und Selbst- und Stressmanagement, insbesondere im Hinblick auf Umgang mit Stress. Mit 17 Jahren Erfahrung im Personalbereich, davon 13 Jahre als Personalleiterin einer internationalen Großkanzlei kennt sie diese Themen aus den verschiedensten Perspektiven. Sie berät sowohl Unternehmen als auch Privatpersonen.

www.brandung-consult.com

Karriereplaner - Ausgabe: 2026/2027