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Elternzeit als Anwalt?

Chance auf Perspektivenwechsel

Von Dr. Heiko Bertelmann (Freshfi elds Bruckhaus Deringer LLP)

Die Zeiten ändern sich: Für vorhergehende Vätergenerationen war es noch völlig üblich, sich von der Geburt des Nachwuchses schlicht berichten zu lassen, oder diese Zigaretten rauchend vor dem Kreissaal abzuwarten. Heute ist klar: Dabei sein ist alles!

Was pointiert bei der Familienwerdung zum Ausdruck kommt, gilt erst Recht auch für das weitere Familienleben: Anforderung und Anspruch an das Vatersein haben sich erhöht. Hier gibt es einen Zielkonfl ikt. Denn auch Anforderung und Anspruch an das Anwaltsdasein, jedenfalls das in einer Großkanzlei, sind in den letzten Jahren ebenfalls eher gestiegen, denn gefallen. Die einfache Antwort auf diesen Zielkonfl ikt lautet: Prioritäten setzen. Die meines Erachtens klügere: Elternzeit nehmen!
Natürlich gibt es auf eine derart persönliche Frage keine allgemeingültige Antwort, und eine Entscheidung gegen die Elternzeit ist nicht zwangsläufi g eine Entscheidung gegen die Familie; aber eines muss – frei nach Kant – auch klar sein: Ausreden, die sich auf die Zwanghaftigkeit der Verhältnisse in den Kanzleien berufen, können nicht gelten: Du kannst, denn Du sollst!

Familiengründung heißt Veränderung
Bei mir stellte sich die Frage nach der Elternzeit ganz praktisch im vierten Berufsjahr, einem wahrscheinlich relativ typischen Zeitpunkt. Nach den ersten Berufsjahren als Associate in einer international tätigen Großkanzlei im Bereich Gesellschaftsrecht/M&A hatte ich im dritten Berufsjahr wenn schon keine eigene Kanzlei, so doch eine eigene Familie gegründet. Berufl ich änderte sich durch die Geburt meines Sohnes für mich zunächst nicht viel – dies habe ich insbesondere auch meiner Frau zu verdanken, die bereit war, vorübergehend in ihrem Beruf auszusetzen.

Gute Entscheidung
Ich habe mich relativ bald nach der Geburt unseres Sohnes dafür entschieden, Elternzeit zu nehmen. Wenn man berufl ich unter der Woche stark eingebunden ist, dann fi ndet Familie fast ausschließlich am Wochenende statt. Und außerdem fällt es schwer nachzuvollziehen, wie anstrengend – wenn auch im positiven Sinne – die tägliche Betreuung eines Kleinkindes ist. Ich fand es wichtig, das mal richtig mitzubekommen, und vor allem einfach mal über einen längeren Zeitraum Familie im eigentlichen Wortsinn zu sein, also die Haus- und Lebensgemeinschaft wie in dem lateinischen Begriff familia. Die Entscheidung für die Elternzeit war für mich also schnell getroffen. Und es fiel mir auch nicht schwer, diese Entscheidung umzusetzen, denn sowohl die Partner in der Kanzlei als auch Mandanten hatten durchweg großes Verständnis. Ein Mandant schrieb mir sogar zurück: „Prima, freut mich für Sie, dass Sie in Elternzeit gehen. Das hätte ich auch gerne gemacht – vor 17 Jahren!“

Rechtsanwalt Dr. Heiko Bertelmann ist seit 2007 am Hamburger Standort von Freshfi elds Bruckhaus Deringer LLP im Bereich Gesellschaftsrecht/ M&A tätig. Schwerpunkte seiner Arbeit sind die Beratung bei Unternehmensakquistionen, insbesondere für Private Equity-Investoren, sowie die laufende gesellschaftsrechtliche Beratung von GmbHs und Aktiengesellschaften, dort vor allem zu Hauptversammlungen.

Elternzeit – was tun?
Der Grundsatz war, möglichst viel von dem zu machen, was im Rahmen des Berufsalltags sonst nicht möglich ist, zumindest in diesem Ausmaß. Zunächst einmal bedeutete das schlicht, den Alltag miteinander zu verbringen. Außerdem Familie und Freunde besuchen. Und überdies noch ausgiebig Aktivurlaub und Sport machen. Konkret hieß das für uns: Wir waren erst mit der Familie meines besten Freundes zwei Wochen Wandern in Kärnten und konnten feststellen: Wandern klappt mit Kleinkindern erstaunlich gut. Dann waren wir ein paar Tage bei unseren jeweiligen Eltern und Freunden, denn schließlich wollen ja regelmäßig die neuesten Entwicklungsschritte begutachtet werden. Und als Highlight haben wir uns einen kleinen, großen Traum erfüllt und für drei Wochen mit einem Camper den Westen der USA unsicher gemacht – man muss den Kleinen ja was bieten. Last but not least habe ich es auch noch geschafft, ein wenig Sport zu treiben, und bin den Berlin- Marathon mitgelaufen.

Unterstützen Kanzleien?
Nachdem das Thema Work/Life-Balance in den letzten Jahren dominiert hat und auch die ersten Berufsjahre als Anwalt häufi g dominiert, rückt zunehmend das Thema Work/Family- Balance in den Vordergrund. Hier hat sich nach meiner Wahrnehmung bereits viel getan. Neben ganz praktischen Hilfestellungen der Kanzleien wie Kita-Angebote oder Notfallservices besteht zunehmend die Bereitschaft, auch den männlichen Associates eine Elternzeit zu ermöglichen. Dies jedenfalls, wenn sie auf zwei Monate begrenzt ist, und damit der jüngsten Anreizsetzung durch den Gesetzgeber entspricht. Es ist zu hoffen, dass diese Entwicklung weiter voranschreitet.

Fazit: Vorteile für alle
Die Elternzeit bietet eine einzigartige Gelegenheit, enger mit der Familie zusammenzurücken, vor allem dem Kind eine stärkere Bezugsperson zu werden. Elternzeit bedeutet auch die Chance auf einen Perspektivenwechsel, bei dem die Familie und das Zuhause in den Vordergrund, die Arbeit und das Büro in den Hintergrund tritt bzw. in die Ferne rückt. Und schließlich ist die Elternzeit auch schlicht eine Auszeit, in der man ‚den Akku wieder aufl aden’ kann, um sich danach mit neuem Elan und neuen Eindrücken wieder an die Arbeit zu machen. Die Chance auf eine Elternzeit sollte man sich daher nicht entgehen lassen. Sie birgt für alle Beteiligten eine Vielzahl von Vorteilen.

Karriereplaner - Ausgabe: SS 2011